Worum es geht
KI löst viele klassische Aufgaben in Sekunden: eine Inhaltsangabe, eine Erörterung, eine Reihe Rechenaufgaben. Laut JIM-Studie 2025 haben 84 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ChatGPT schon verwendet. Für Lehrkräfte stellt sich deshalb die Frage, woran sie noch erkennen, was eine Schülerin oder ein Schüler selbst gedacht hat.
Dieser Artikel richtet sich an Lehrkräfte und Fachschaften. Seine Aussage: Eine Aufgabe zeigt eigenes Denken, wenn sie den Denkweg sichtbar macht und vorher feststeht, wie viel KI erlaubt ist. Nachträglich herausfinden zu wollen, ob KI im Spiel war, trägt nicht.
Sie finden unten vier Aufgaben im Vorher-Nachher-Vergleich, eine Kopfzeile für Arbeitsblätter, ein Raster zur Bewertung der Eigenleistung und Leitfragen für das Gespräch, wenn ein Verdacht entsteht.
Warum Erkennen nicht reicht
Programme, die KI-Texte aufspüren sollen, irren sich häufig, in beide Richtungen. Sie halten selbst geschriebene Texte für KI-Texte und übersehen Texte, die mit KI entstanden sind. OpenAI hat sein eigenes Erkennungsprogramm im Juli 2023 wegen geringer Genauigkeit eingestellt.
Ein Verdacht allein ist deshalb keine Grundlage für eine Note. Besser ist ein Gespräch über den Lösungsweg. Wie mit einem Täuschungsverdacht formal umzugehen ist, regeln die Vorgaben Ihres Landes und Ihrer Schule.
Vier Formate, die eigenes Denken zeigen
Die Bildungsministerkonferenz der Länder hat im Oktober 2024 empfohlen, die Bewertung stärker vom Produkt zum Prozess zu lenken. Der Reflexion durch die Lernenden kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Neue Prüfungsformate sollen auch längerfristig vorbereitete, kollaborative und dialogische Leistungen sowie Präsentationen umfassen. Wird bei einem Produkt KI genutzt, sollen in der Präsentation und besonders in der Verteidigung der versierte Umgang mit KI und die Fähigkeit, die Ergebnisse zu reflektieren, berücksichtigt werden.
Für den Unterricht lassen sich daraus vier Formate ableiten:
- Prozess statt Produkt: Zwischenstände, Lerntagebuch, Entwürfe mit Begründung.
- Persönlicher Bezug: Eigene Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Wohnort oder dem Unterricht.
- KI-Antwort prüfen: Eine KI-Lösung auf Fehler untersuchen und verbessern.
- Mündliche Anteile: Kurze Gespräche über den eigenen Lösungsweg.
Vier Aufgaben vorher und nachher
Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich eine vertraute Aufgabe umgestalten lässt. Das Lernziel bleibt gleich, nur der Weg dorthin wird sichtbar.
Deutsch, Klasse 7. Vorher: „Schreibe eine Inhaltsangabe zum ‚Zauberlehrling‘.“ Nachher: „Die KI hat eine Inhaltsangabe geschrieben. Finde drei Fehler und belege sie am Text.“ Wer die Fehler finden will, muss die Ballade kennen und genau lesen. Die KI-Inhaltsangabe erstellt die Lehrkraft vorab.
Mathematik, Klasse 7. Vorher: „Löse zehn Aufgaben zur Prozentrechnung.“ Nachher: „Eine KI hat drei Aufgaben gelöst, eine Lösung ist falsch. Finde sie, erkläre den Fehler in zwei Sätzen und schreibe eine eigene Aufgabe, bei der man denselben Fehler leicht macht.“ Die eigene Aufgabe zeigt, ob der Fehler verstanden ist.
Geschichte, Klasse 9. Vorher: „Schreibe einen Aufsatz über die Ursachen des Ersten Weltkriegs.“ Nachher: „Lass dir von einer KI drei Ursachen nennen. Prüfe jede mit dem Schulbuch, ergänze eine, die fehlt, und begründe, welche du für die wichtigste hältst. In der nächsten Stunde erklärst du deine Wahl in drei Minuten.“ Hier ist KI für Ideen erlaubt. Bewertet werden die Prüfung, die Begründung und das Gespräch.
Erdkunde, Klasse 6. Vorher: „Beschreibe, wie ein Fluss eine Landschaft formt.“ Nachher: „Geh an einen Bach oder Fluss in deiner Nähe. Notiere drei Dinge, die du dort siehst, und erkläre mit dem Schulbuch, wie sie entstanden sind. Eine Skizze ist erlaubt.“ Die eigene Beobachtung kann keine KI liefern. Die Erklärung zeigt, ob der Zusammenhang verstanden ist.
Wenn Lernende selbst mit KI arbeiten, nutzen sie ein Werkzeug, das die Schule freigegeben hat und das für ihr Alter zugelassen ist. Persönliche Daten gehören in keine Eingabe.
Wie viel KI ist erlaubt?
Hilfreich ist, für jede Aufgabe festzulegen, wie viel KI erlaubt ist. Eine bekannte Stufenskala dafür ist die AI Assessment Scale von Perkins, Furze, Roe und MacVaugh (2024). Sie reicht in fünf Stufen von „keine KI“ über „KI für Ideen und Gliederung“, „KI zum Überarbeiten“ und „KI erledigt Teilaufgaben, mit Angabe“ bis „volle KI-Nutzung“. Entwickelt wurde sie für Hochschulen, sie lässt sich gut auf die Schule übertragen.
Welche Stufe passt, hängt vom Lernziel ab:
- Wenn eine Grundfertigkeit geübt oder geprüft wird, etwa Rechtschreibung oder Kopfrechnen, dann gilt „keine KI“ und die Aufgabe wird im Unterricht bearbeitet.
- Wenn es um Ideen und Aufbau geht, und der Text eigene Arbeit sein soll, dann passt „KI für Ideen und Gliederung“.
- Wenn das Ergebnis zu Hause entsteht, dann planen Sie Zwischenstände oder ein kurzes Gespräch ein, denn ein Verbot lässt sich dort kaum durchsetzen.
- Wenn der Umgang mit KI selbst Lernziel ist, etwa gute Aufträge formulieren und Ergebnisse prüfen, dann passt „volle KI-Nutzung“ mit einer schriftlichen Reflexion.
Schreiben Sie die Stufe auf das Arbeitsblatt. Eine Kopfzeile zum Übernehmen:
- KI bei dieser Aufgabe: Stufe 2, KI für Ideen und Gliederung.
- Das machst du selbst: den Text, die Belege und die Begründung.
- Gib am Ende an: welche KI du genutzt hast, wofür und was von dir stammt. Zum Beispiel: „Gliederung mit KI, Text selbst geschrieben.“
Eigenleistung bewerten: ein Raster
Wenn der Weg zählt, braucht die Bewertung Kriterien für den Weg. Das folgende Raster lässt sich auf die meisten Aufgaben übertragen. Bewerten Sie jedes Kriterium mit „erkennbar“, „teilweise erkennbar“ oder „nicht erkennbar“. Wie stark ein Kriterium in die Note eingeht, legen Sie oder Ihre Fachschaft fest.
- Lösungsweg: Zwischenstände oder Notizen zeigen, wie das Ergebnis entstanden ist.
- Angabe: Werkzeug, Zweck und eigener Anteil sind vollständig angegeben.
- Prüfung: KI-Ergebnisse wurden geprüft, Fehler benannt oder Angaben mit Schulbuch und Quellen abgeglichen.
- Begründung: Eigene Entscheidungen sind nachvollziehbar begründet.
- Erklären: Die Schülerin oder der Schüler kann das Ergebnis in eigenen Worten erklären.
Die Note gibt immer die Lehrkraft. KI kann Rückmeldungen vorbereiten, bewerten soll sie nicht.

Wenn ein Verdacht entsteht
Manchmal passt eine Abgabe nicht zu dem, was Sie von einer Schülerin oder einem Schüler kennen. Statt eines Erkennungsprogramms hilft ein ruhiges Gespräch von wenigen Minuten. Diese Fragen eignen sich dafür:
- Wie bist du vorgegangen? Womit hast du angefangen?
- Welche Stelle war am schwierigsten, und wie hast du sie gelöst?
- Erkläre mir diesen Begriff aus deinem Text in eigenen Worten.
- Was würdest du ändern, wenn die Aufgabe etwas anders gestellt wäre?
- Hast du KI genutzt? Wenn ja, wofür?
Notieren Sie danach in wenigen Sätzen, was besprochen wurde. Wer etwas selbst erarbeitet hat, kann es meist auch erklären. Wenn nicht, ist das ein Anlass für eine neue Absprache, und die Kopfzeile auf dem nächsten Arbeitsblatt wird wichtiger.
Nächste Schritte
- Wählen Sie eine Hausaufgabe aus Ihrem Unterricht, die KI heute vollständig erledigen könnte, und gestalten Sie sie nach einem der Beispiele um.
- Ergänzen Sie auf Ihren nächsten Arbeitsblättern die Kopfzeile mit der erlaubten Stufe.
- Stimmen Sie das Raster in Ihrer Fachschaft ab, damit Lernende in allen Klassen dieselben Kriterien kennen.
- Legen Sie fest, wie Lernende KI-Hilfe angeben. Eine einheitliche Form für die ganze Schule beschreibt der Artikel KI an Schulen in Hessen.
Wenn Ihr Kollegium das gemeinsam üben will: In der akkreditierten KI-Fortbildung für Lehrkräfte von lindenbrook ist „Aufgaben neu denken“ einer von vier Teilen. Ihr Kollegium arbeitet dort an Hausaufgaben und Formaten aus dem eigenen Unterricht.
Welche Aufgabe aus Ihrem Unterricht gestalten Sie als Erstes um?
Häufige Fragen
Sollten wir KI bei Hausaufgaben verbieten?
Ein Verbot lässt sich kaum durchsetzen. Auch die Bildungsministerkonferenz hält ein allgemeines Verbot bei Arbeiten, die zu Hause entstehen, nicht für zielführend. Wirksamer sind Aufgaben, bei denen der eigene Weg zählt, und klare Absprachen, wann KI erlaubt ist.
Wer gibt die Note?
Immer die Lehrkraft. KI kann Rückmeldungen vorbereiten, bewerten soll sie nicht. Auch die Bildungsministerkonferenz sieht die Leistungsbewertung als Aufgabe, die ausschließlich Lehrkräfte erfüllen.
Kann ein Erkennungsprogramm einen Verdacht belegen?
Nein. Solche Programme irren sich häufig, in beide Richtungen. OpenAI hat sein eigenes Erkennungsprogramm im Juli 2023 wegen geringer Genauigkeit eingestellt. Ein Gespräch über den Lösungsweg sagt mehr.
Wie geben Lernende KI-Hilfe an?
Mit drei Angaben: welche KI sie genutzt haben, wofür und was von ihnen selbst stammt. Oft reicht ein Satz wie „Gliederung mit KI, Text selbst geschrieben.“ Am besten legt die Schule eine einheitliche Form fest.
Ist das nicht viel Mehraufwand?
Eine Aufgabe umzugestalten kostet beim ersten Mal Zeit. Viele umgestaltete Aufgaben lassen sich danach in jedem Jahrgang wieder einsetzen. Wenn die Fachschaft Aufgaben und Raster teilt, verteilt sich die Arbeit.
Quellen
- Perkins, Furze, Roe, MacVaugh: The AI Assessment Scale (2024)
- OpenAI: New AI classifier for indicating AI-written text (mit Hinweis zur Einstellung im Juli 2023)
- Weber-Wulff u. a.: Testing of Detection Tools for AI-Generated Text (2023)
- KMK: Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen (Beschluss vom 10.10.2024, PDF)
- mpfs, JIM-Studie 2025
Stand: . Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung.


